Die Zeit der Tulpen

Das Mädchen kehrte am späten Nachmittag heim. Auf dem unbefestigten Sandweg entlang der Hecke, die das Haus dahinter halb verdeckte, setzte sie, obwohl sie ihren Blick auf den Weg zu richten schien, achtlos die Sandalen, die im aufgeweichten Boden versanken und durch knöcheltiefe Pfützen wateten. Vor dem ausgeblichenen Holzlattentor, das den Verlauf der Hecke durchbrach, den Weg abrupt enden lies und weit geöffnet keine Barriere aufbaute, blieb sie stehen. Sie starrte auf ihre nassen Füße in den Sommerlatschen, auf die vom Dreck bespritzten nackten, dünnen Waden, die aus einem weiten, knielangen Jeansrock wie Stöcke ragten. Die Vibration des Rockes wurde von zitternden Knien in Gang gesetzt, fand seine Fortsetzung in den von einem Langarmshirt bedeckten Oberkörper, nahm auch den kleinen Rucksack mit und wurde durch heftiges Zähneklappern hörbar.
„Komm rein, Kind“, rief die Oma mit brüchiger Stimme dem Mädchen zu, während sie die Klinke der alten, weit geöffneten Holztür des Hauses mit ihren Händen krampfhaft umschlossen hielt. Das Mädchen verharrte bewegungslos. Ihr Blick blieb auf ihre Latschen vor den zersprungenen, mit Grasbüscheln durchsetzten Gehwegplatten gerichtet, die den Weg vom Tor zur Tür des Hauses ebneten.

„Komm, Hanna. Ich bin dir nicht böse“, bat die Oma liebevoll. Die Oma, bislang vor der Tür stehend, löste ihre Hände von der Klinke, trat hinter diese und wiederholte nun in flehendem Ton: „Komm rein, Hanna. Alles wird gut. Vertrau mir.“

Das Mädchen hob leicht den Kopf, spähte unter ihren lang ins Gesicht hängenden Haaren zu der mit abblätternder Farbe bestrichenen Haustür, die weit aufgerissen den Blick in die dahinter liegende Küche freigab, aus der das Mädchen den ihr vertrauten Geruch von verbrennendem Holz im Ofen des Herdes und gekochtem Klops wahrnahm. Langsam rang sich das Mädchen die Schritte für den Weg zwischen Tor und Tür ab, hastete dann durch die Tür an der Oma vorbei, ohne den Blick zu heben oder einen Gruß an die Oma zu richten. Sie ging durch die Küche, durch die sich anschließende Stube und weiter in ihr Zimmer, zu ihrem Bett mit dem Kopfkissen, auf dem sie nicht fand, was sie suchte.

Nie hatte das Mädchen gewusst, wo sie ihn am Morgen hingelegt hatte. Sie hatte sich seine Spuren aus dem Gesicht gewischt gleichsam wie den Schlaf aus den Augen und ihn irgendwo fallen lassen wie ihr Nachthemd und den Slip und war zur Schule gegangen. Nach der Schule war sie durch Tor und Tür gestürmt, hatte nach der Oma gerufen, ihren Nuckel verlangt und sich in ihrem Zimmer auf ihr Bett geschmissen. Von dort hatte sie am Nuckel saugend oft über die Hecke hinweg auf das Feld gestarrt.
Diesmal war es anders. Sie kam nicht aus der Schule. Sie kam von einer Weltreise und war nicht durch Tor und Tür gestürmt. Sie hatte sich zu diesem alten einsamen Haus vor- und hineingekämpft. Und sie wusste, wo sie ihren Nuckel abgelegt hatte, damals, als sie in die Welt aufgebrochen war, um sie zu erleben. Bevor sie ihre Reise angetreten hatte, hatte sie überlegt, ob sie ihren Nuckel mitnehmen soll, hatte mit sich gerungen, da sie von keiner Wiederkehr ausgegangen war. Schließlich hatte sie den Nuckel auf das Kopfkissen gebettet, sich von ihm, dem Tröster in stillen Stunden verabschiedet und war überzeugt, dass die erwarteten Küsse mehr als ein Ersatz sein werden. Die Oma hatte den Nuckel später an sich genommen und zu den Sachen des Mädchens in den großen Stubenschrank getan.

Während das Mädchen, nun wiedergekehrt, das leere Kopfkissen anstarrte, ging die Oma unaufgefordert zum Schrank, entnahm das vermisste Stück, ging mit ihm zurück in die Küche, tauchte es in ein Glas mit Flüssigkeit, als wolle sie es waschen, und rief nach dem Mädchen.
„Na, Hanna, danach suchst du doch. Oder?“ fragte die Oma, als das Mädchen zu ihr gekommen war. Das Mädchen nickte, schaute aber nicht auf, nicht ins Gesicht der Oma, in dem sie sonst die Tränen entdeckt hätte, die sich über Falten und Runzeln rollend am Kinn sammelten und als große Tropfen auf die Dielen der Stube fielen. Die Oma reichte den mit einem Tropfen behangenen Nuckel dem Mädchen, die ihn sich in den Mund schob.
„Danke, Oma.“
Die Oma zuckte bei den ersten an sie gerichteten Worten ihrer Enkelin zusammen.
„Hanna, ach, Hanna, was machst du für Sachen.“ Das Mädchen hob die Schultern, während die Oma dicht an ihre Enkelin trat, ihre schweren Arme um sie legte und sie an sich zog. Das Mädchen ließ sich ziehen, ließ sich gegen die Kittelschürze der Oma fallen, verbarg ihr Gesicht hinter dem langen Haar und vergrub es auf der fleischigen Schulter der Oma. Die Tränen der Oma flossen zahlreicher, wurden schluchzend und bebend unterstützt.

„Es wird alles gut, Hanna“, presste die Oma hervor, bevor sie ihre Umarmung lockerte und sich von ihrer Enkelin abwandte.
Das Mädchen ging in ihr Zimmer und legte sich wie früher hin. Sie drehte sich auf die Seite, zog die Beine an und lutsche am Nuckel. Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag. Für kurze Zeit lag sie reglos auf dem Bett. Von dort hatte sie immer über die Hecke auf das Feld gestarrt und geträumt. Von dort war sie in der Zeit, in der die Tulpen blühen, ausgezogen, um dem Mann zu folgen, der eines Tages auf dem Felsen weiter draußen auf dem Feld gestanden hatte und nicht mehr gegangen war.
Während das Mädchen früher nach ein oder zwei Stunden starren und träumen wieder aus dem Zimmer in die ständig nach Gekochtem riechende Küche getreten war, lag sie nun nach der unfreiwilligen Rückkehr von ihrer Reise in ihrem alten, mit vergilbter Blümchentapete tapezierten Zimmer, lag auf ihrem Bett eingerollt unter den Postern von Christina Stürmer, Juli und Kurt Cobian, lag mit dem Nuckel im Mund und kam nicht mehr heraus. Bis in die Abendstunden stöhnte und wimmerte das Mädchen und lies die Tränen rollen, bis sie aufgebraucht waren. Sie durchwühlte ihr Bett, krallte die Hände ins Laken oder presste sie auf den Bauch, rief nach ihrer Oma, die herbeigeeilt kam, sie in den Arm nahm, tröstete und immer „Alles wird gut, Hanna.“ wiederholte. Irgendwann am Abend starrten ihre Augen tränenleer durch das Fenster. Sie starrten die ganze Nacht hindurch und auch den Morgen über die Hecke hinweg auf die aufgehende Sonne, die sich bald anderen Seiten des Hauses zuwandte, auf die reglosen Stoppeln der abgemähten Kornhalme, auf die sich zum Wegzug sammelnden Gänse. Sie starrte auf den Fels weiter draußen auf dem Feld, wo er gesessen, gestanden, gewunken, wo er ihr sein Lachen geschenkt und ihr Herz geraubt hatte, er mit seinen verwegenen blondsträhnigen Haaren, seinem Grübchen am meist unrasierten Kinn, mit den verträumten Augen und dem schlabberigen, verwaschenen, unmodischen bunt karierten T-Shirt. Sie starrte ohne Wimpernschlag und verweigerte sich des Schlafes.

Vier Tage lang hatte die Oma die Mahlzeiten auf den Tisch im Zimmer des Mädchens gestellt und, eine Stunde abwartend, wieder mitgenommen. Die Oma hatte das Weinen beendet, das Trösten eingestellt, hatte keinen Arzt oder sonst wen geholt. Sie hatte gebetet und gekocht und die Töpfe mit den Tulpen, die kurz vor der Blüte standen, von den Fensterbänken des Hauses, aus Schuppen und Stall geholt und mit ihnen die unteren Räume des Hauses gefüllt, während das Mädchen reglos auf ihrem Bett lag, aus dem Fenster über die Hecke hinweg auf das Feld starrte, auf den Fels, wo er plötzlich Anfang Mai aufgetaucht war und den Felsen eingenommen hatte. Damals hatte die Oma geschimpft und geweint, geflucht und gedroht, hatte ihn vom Fels zu stoßen gesucht, hatte mit ihren kleinen, dicken Fäusten auf ihn eingedroschen, mit Dreck und Steinen nach ihm geschmissen. Er blieb und lachte und stand wie ein Feldherr auf dem Fels, bereit die Hecke zu zerteilen, das alte Bauernhaus zu erobern, die junge Braut zu entführen und ihr etwas zu zeigen, was vom Bett aus über die Hecke hinweg nicht zu sehen war. Die Oma hatte ihre Enkelin mit Worten und Taten von ihm fern zu halten versucht, hatte gepredigt, dass er ein Dahergelaufener aus einem der Nachbardörfer sei, der zu nichts tauge, der jungen Mädchen nur den Kopf mit seinem sorglosen, vor Leichtigkeit strotzenden Auftreten verdrehen könne, der nichts zu bieten hat als heiße Luft und nur seinen Spaß haben will. Davon hatte das Mädchen nichts hören wollen, hatte ihn ahnungslos verteidigt und auf Kurt Cobian verwiesen, der fast so aussehend, berühmt und reich geworden war. Selbst die mehrfach eindringlich und mahnend vorgetragenen Hinweise der Oma auf die Depressionen, die Drogen, den Suizid, auf das Missverhältnis zwischen äußerer Hülle und innerem Sein dieses Musikers, schreckten das Mädchen nicht, so dass die Oma letztlich ihre Enkelin eingesperrt, Bretter vor das Fenster genagelt, die Tür abgeschlossen und ihr den Schulbesuch verweigert hatte. Tag und Nacht hatte die Oma über dem Mädchen gewacht, bis sie eines Nachts dem Schlaf erlegen war. Als sie durch ein Flüstern vor dem Haus aus dem Schlaf aufgeschreckt worden war, brauchte sie nicht ins Zimmer des Mädchens gehen oder aus dem Fenster sehen, um zu wissen, dass ihr Mädchen mit ihm gegangen war.
Frühjahr und Sommer vergingen, ohne dass die Oma etwas von ihrer Enkelin gehört hatte. Erst zwei Tage vor ihrer Wiederkehr kam ein Anruf, der die Oma zutiefst erschüttert, der Erinnerungen aufgewühlt hatte und sie einen Entschluss fassen lies, da sie sich sicher war, dass die Enkelin nur zurückkommen und überwintern wolle.

Nun, nach vier Tagen, stellt sich die Oma neben das Bett des Mädchens und starrt aus dem Fenster auf das Feld, wo er gestanden, ihr Mädchen mitgenommen hatte, um es wieder wegzuwerfen. Sie blickt aus dem Fenster und sieht sich, wie sie mit ihrem Kittel schreiend über das Feld rennt, mit ihren nackten Füßen im durchweichten Boden versinkend, hinfallend, sich aufrappelnd und weiter laufend bis zur Bushaltestelle, wo sie nur noch den Bus abfahren sieht und ihn, der sie aus dem Fenster mit dem Mädchen im Arm angrinst.
Sie wendet sich ihrer Enkelin zu, betrachtet sie lange, möchte ihr über das glanzlose Haar streichen, ihr die kalte Wange küssen, doch sie wagt nichts. Sie hat Angst
So wendet sich die Oma wieder dem Fenster zu, dem sie schreiend und weinend zum Haus humpelnd näher kommt, dass sie bald darauf gesäubert, aber immer noch humpelnd wieder verlässt, um auf dem Weg vor ihrem Haus hinter der Hecke zu warten, bis das Taxi kommt, dass sie ins übernächste Dorf bringen wird, wo er wohnt. Als sie bei seinen Eltern klingelt, sind beide schon weiter gezogen. Die Oma fährt ihnen hinterher, weiter in die nächste Stadt, wo die Prinzen den kleinen Mädchen die weite Welt zeigen. Sie nimmt sich ein Zimmer in einem Hotel und wandert die Straßen der Stadt ab und hofft auf einen Zufall, der ihr wahrscheinlich erscheint, weil die Stadt nicht so groß, nicht so verzweigt ist und sich das Leben der Stadt in wenigen Straßen ballt. Nach zwei Wochen begegnen sie sich. Das Mädchen hängt in seinem Arm und sieht glücklich aus und erwachsen. Sie stehen schweigend voreinander. Die Oma streckt die Hand aus. Das Mädchen schüttelt den Kopf. Die Oma bettelt und fleht. Das Mädchen will nicht. Die Oma versucht das Mädchen dem Arm des Mannes zu entreißen. So sehr die Oma auch an seinem Arm und dem Mädchen rüttelt und zerrt, sie kann das Mädchen ihm nicht entreißen. Das Mädchen klammert sich an ihm fest und schreit die Oma an, dass sie sie doch in Ruhe lassen möge, dass sie glücklich ist und nie, nie wiederkommen wird. Als die Oma immer noch nicht von ihr lassen mag, schlägt das Mädchen mit der Hand nach der Oma. Die Oma kreischt. Tränen schießen ihr aus den Augen und etwas Blut aus der Lippe. Doch die Oma lässt nicht los, jetzt, wo sie sie wieder gefunden hat, wo sie ahnt, dass das ihre letzte Chance ist, um das Mädchen vor diesem Prinzen zu bewahren, um das Mädchen wieder mit sich nach zu Hause zu holen. Das Kreischen lockt die Menschen an, die sich anschicken, wie bei einem Boxkampf einen Kreis um die drei zu bilden. Die Oma und das Mädchen schreien sich an, reißen aneinander bis der Prinz der Oma einen Kinnhaken versetzt. Die Oma stürzt zu Boden. Der Prinz tritt unter dem empörten Aufschrei der Menge mehrere Male nach ihr. Doch die Menge, die die Situation nicht ganz durchschaut hat, hält die beiden Fliehenden nicht auf, sondern öffnet einen Gang, durch den er mit dem Mädchen an der Hand eilt, der nun doch bewusst wird, was da eben geschehen ist und dass sie das nie gewollt hat. Als die Oma ihren Kopf hebt, sieht sie das Mädchen an seiner Hand, die sie mit sich fort zieht. Sie sieht die Tränen in den Augen des Mädchens und erfasst diesen Blick, wie sie alle Mädchen beim endgültigen Abschied ihren Eltern, in diesem Falle ihrer Oma um Verzeihung bittend, senden. Die Oma erhebt sich von den Steinen. Sie weint, da sie weiß, dass sie verloren hat, dass sie ihr Versprechen nicht halten können wird.
Noch am gleichen Tag reist sie ab, zurück in ihr Dorf, in ihr Haus, dass von allem ein wenig Abseits steht, und beginnt in weiser Voraussicht Hunderte von kleinen Blumentöpfen zu kaufen und noch mal so viele Tulpenzwiebel, die sie tagelang durch das Dorf zu ihrem Haus trägt. Am Ende des Sommers, der auch den Lieben dieser Welt ein häufiges Ende beschert, baut sie alle Töpfe auf der Wiese zwischen Haus und Scheune in mehreren, langen Reihen auf, legt vor jeden Topf eine Tulpenzwiebel, füllt die Töpfe mit Komposterde und stopft in jeden Topf die bereitgelegte Zwiebel. Sie dünkt trotz fruchtbarer Erde nachhaltig und bespricht jede einzelne Zwiebel. Die Töpfe verteilt sie auf die Fensterbänke des Hauses, auf Schuppen und Stall. Jeden Tag prüft sie das Gedeihen der Zwiebel, setzt das Besprechen fort, flankiert diese Maßnahme durch die Einbeziehung des Kreuzes aus dem Schrank im Schuppen und ist überglücklich, als sie nach wenigen Tagen die ersten grünen Spitzen aus vielen Zwiebeln sprießen sieht.

Die Oma wendet sich vom Fenster ab, verscheucht einige Fliegen. Sie trägt das unberührte Essen in die Küche, wo sie es in den Eimer schüttet und das Geschirr in der mit heißem Wasser gefüllten Emailleschale abwäscht. Danach bringt sie etliche Töpfe mit Tulpen in das Zimmer des Mädchens. Sie holt sich einen Hocker, hockt sich vor das Mädchen und zwischen die Tulpen, die den aasigen Geruch des Zimmers überdecken, verscheucht nochmals die Fliegen, die sich auf dem Körper des Mädchens zu schaffen gemacht haben, und beginnt zu sprechen.
„Hanna, sieh, es ist die Zeit, in der die Tulpen blühen. Sieh, wie schön sie auch im Herbst blühen können. Man muss sich ihnen nur zuwenden, ihnen Liebe geben. Dann kann man die Natur überlisten. Ich habe mich dir reichlich zugewandt und all meine Liebe gegeben. Es war nicht genug. Die Natur forderte ihr Recht. Diesmal werde ich das letzte geben, werde geben, was machbar ist und die Natur besiegen, so, wie ich es deiner Mutter versprochen habe, als ich ihr die Lider über die Augen geschoben hatte. Auch sie war der Natur gehorchend einem Mann gefolgt, so wie ich einem gefolgt war. Und immer ist es das Gleiche. Sie benutzen dich und schmeißen dich weg. Ich hatte daraus gelernt. Ich habe mich nie mehr von einem Prinzen blenden lassen. Ich habe die Lumpen durch ihr prächtiges Gewand gesehen. Deine Mutter blieb ein ewiges Mädchen und glaubte an die Prinzen. Sie konnte sich nie von ihren Puppen trennen, so wie du dich nicht von deinem Nuckel trennen konntest. Sie weinte drei Tage und hielt danach nach dem nächsten Ausschau, der sie holte, benutzte und wegschmiss. Dies wiederholte sich Jahr um Jahr und machte sie krank, bis sie eines Tages mit dir im Bauch fortgeschickt wurde, weil sie ihm mit Bauch nicht mehr gefiel. Doch selbst als sie dich zur Welt gebracht hatte, vermochte sie nichts und niemand von ihrer Suche nach einem Prinzen abzubringen, den sie auch wieder fand. Doch diesmal wollte ich sie nicht ziehen lassen. Ich wollte sie festhalten, so wie ich dich in diesem Frühjahr festhalten wollte. Bei Nacht schlich sie sich aus dem Haus, zog mit und zu ihm und lies dich bei mir zurück. Einige Tage später rief sie bei mir an. Ich sagte ihr, dass sie eine Verbrecherin sei, weil sie ihr Kind zurückgelassen hatte, und dass sie nie wiederkommen bräuchte. Danach habe ich nichts mehr von ihr gehört. Nach fast zwei Jahren stand sie vor der Tür. Glaub mir Hanna, ich habe meine eigene Tochter fast nicht wieder erkannt. Sie sah schlimm aus. Mager, die Wangen eingefallen, mit dicken Rändern unter den Augen und in Tränen aufgelöst. Sie wollte sich in meine Arme schmeißen und ich, du kannst es mir glauben, Hanna, ich hätte sie liebend gerne in diese genommen, hätte ihr über das fettige Haar streicheln, ihr die Tränen von den Wangen küssen und verzeihen mögen. Ich konnte nicht. Noch nicht. Ich stand wie ein Stein. Wir standen viele Minuten schweigend voreinander, bis ich sagte, sie solle hereinkommen. Sie drängte sich an mir vorbei und ging auf dein Zimmer zu, wo du gerade spieltest. Du hast deine Mutter natürlich nicht erkannt. Sie machte dir Angst. Als sie dich mit einem aufflackernden Lächeln auf den Arm nehmen wollte, fingst du an zu schreien und recktest deine Ärmchen nach mir, weg von dieser für dich fremden Frau. Deine Mutter rannte aus dem Zimmer und sperrte sich im Zimmer auf dem Dachboden ein, das von da an ihr Zimmer war. Ich wagte nicht zu ihr zu gehen. Ich kochte das Essen, versorgte dich und betete. Manchmal kam sie mit roten Augen, blassem Gesicht und immer magerer werdend herunter, machte sich ein belegtes Brot und nahm sich etwas Saft. Manchmal ging sie ins Dorf. Ich weiß nicht, was sie sich kaufte. Aber die Leute tuschelten. Sie rauchte jetzt sehr stark. Sie rauchte Unmengen. Ich weiß nicht, woher sie das Geld dafür nahm. Ihre Finger und Zähne waren gelb und sie zog den Gestank kalten Zigarettenqualmes hinter sich her. Doch nie rauchte sie vor mir oder in den unteren Räumen. Nur in ihrem Zimmer Wir sprachen kein Wort miteinander und senkten den Blick, wenn wir aneinander vorübergingen. Kam sie in deine Nähe, verzogst du ängstlich das Gesicht, fingst zu weinen an, kamst zu mir gerannt und ich nahm dich auf den Arm, gab dir den Nuckel und tröstete dich, während meine Tochter, die deine Mutter war, auf den Dachboden flüchtete. Eines Tages war ich im Dorf einkaufen. Da das Wochenende anstand, kam ich bepackt den Weg zu unserem Haus herunter. Ich war vielleicht eine halbe Stund weg, du schliefst tief und fest wie jeden Nachmittag, es war wirklich alles in Ordnung, als ich ging und nichts hätte passieren können außer, dass du aufgewacht wärst und in deinem Bettchen nach mir geschrieen hättest. Doch nie wärst du herausgeklettert und hättest etwas angestellt, denn du warst ein braves Mädchen. Ich sehe es wie heute: Das Haus lag friedlich hinter der Hecke. Kein Laut drang aus dem Haus. Alles schien in Ordnung. Und doch fühlte ich plötzlich eine Angst in mir, eine unbegreifliche Angst, durch nichts begründet. Aber sie war da. Ich eilte mit meinen schweren Beuteln die Hecke entlang. Ich reckte meinen Hals über die wilden Triebe der Hecke und sah, dass die Haustür auf stand. Ich lies die Beutel fallen und rannte ins Haus, in dein Zimmer, wo du lagst. Hanna, wie du lagst! Du lagst in deinem Bettchen, auf dem Bauch und dein Kopf lag unter mehreren Kissen begraben und wurde durch die Last der Kissen in die Matratze gedrückt. Ich riss dich aus dem Bett, horchte an dir, schrie auf dich ein, schüttelte dich und klopfte schließlich auf deinen Rücken, wodurch du zu Husten, zu Röcheln und, welch eine Erlösung, zu schreien und weinen begannst. Schon bald bekam dein Gesicht Farbe und du entliehst mit einem gewaltigen Grollen Luft und mehr in deine Hose. Nie hatte und habe ich mich mehr über eine vollgeschissene Hose gefreut. Nachdem sich alles normalisiert hatte, ging ich bewaffnet mit einer Eisenstange auf den Boden. Ich wusste nicht, was mich dort erwarten würde. War meine Tochter verrückt geworden und würde mich angreifen? Oder war sie im Glauben, dich umgebracht zu haben, abgehauen? Oder lag sie dreist schlafend in ihrem Bett? Oder qualmte und sang sie, ihre Puppe im Arm wiegend? Deine Mutter, meine Tochter machte mir Angst. Ich wollte sie, eine Kindsmörderin nicht mehr unter meinem Dach haben. Ich wollte sie windelweich prügeln und dann aus dem Haus werfen. Sie sollte nicht mehr meine Tochter sein. In ihrem Zimmer war sie nicht. Sie war nirgends im Haus. Ich ging in den Schuppen, in den Garten und dann in den alten Stall. Es war ein grausiges Bild, glaub mir, meine Kleine. Ein solches Bild, kann einem das Herz brechen. Und es wäre wohl auch gebrochen, wenn du nicht gewesen wärst. Überall auf dem Boden war Blut, als wäre ein Schwein abgestochen worden. Sie hatte es nicht richtig gemacht. Sie hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten und versucht sich in den Hals zu stechen, was sie auch getan hatte, aber nicht tief genug und an der richtigen Stelle, so dass sie noch lebte, als ich kam. Sie hatte sich durch den Stall geschleppt und war kurz vor der Tür liegen geblieben. Ich hockte mich zu ihr, nahm sie hoch, ihren Kopf in meinen Schoß und streichelte sie. Sie krampfte ihre Hand in meine und ich hielt sie ganz fest. Sie röchelte und versuchte etwas zu sagen. Das Blut in der Kehle lies kaum ein Verstehen zu. Doch ich weiß, dass sie um Verzeihung bat. Ich verzieh ihr. Ich verzieh ihr angesichts des Todes und vor Gott. Dann, so glaube ich, hat sie deinen Namen gesagt. Und ich sagte ihr, nein, ich versprach ihr auf das Kreuz um meinen Hals, dass ich auf dich aufpassen werde, dass das, was mir und deiner Mutter passiert ist, dir nie passieren darf. Sie ist in meinem Schoß gestorben, aus dem ich sie 28 Jahre zuvor geboren hatte.“
Die Oma macht eine Pause, wischt die Tränen aus ihrem Gesicht und verjagt die Fliegen, die über dem Körper des Mädchens kreisen. Sie rutscht noch dichter an das Mädchen heran, neigt sich zum Ohr des Mädchens und beginnt zu flüstern. “Ich wollte kein Aufsehen, keine Unruhe und ich wollte nicht, dass sie dich mir wegnehmen. So habe ich sie unter den Dielen im Stall begraben. Ich habe ein Kreuz in den Schrank gehängt und sie jeden Sonntag im Stall besucht. Nun weißt du, warum ich dir verboten hatte im Stall zu spielen. Ich habe dir die Geschichte nie erzählt. Ich wollte, dass du ein anderes Bild von deiner Mutter hast. Ich hoffe, Hanna, du verstehst jetzt, dass ich nicht anders handeln konnte und verzeihst mir, so wie ich deiner Mutter verziehen habe. Denn du bist wie meine Tochter. Du weinst drei Tage und ziehst wieder los. Und das geht nicht. Das kann ich nicht zulassen. Keiner wird dich mehr wegholen, keiner dieser schönen Männer. Du bist für Gott bestimmt.“
Die Oma rutscht vom Hocker und kniet vor dem Mädchen nieder und betet. Dann pflückt sie eine Tulpe nach der anderen aus den Töpfen. Sie bricht die Blüten und streut die gelben, roten, orangen, violetten Blütenblätter auf das Mädchen, das immer noch aus dem Fenster starrt, von wo aus sie das Feld, wo er gestanden hatte, sehen kann. Die Oma streicht über das Haar des Mädchens, über das Gesicht, küsst die Wange und streift die Lider über die Augen. Dann entkleidet sie es und reibt die Tulpenblätter auf der Haut des Mädchens.
Die Oma wartet auf die Nacht. Unter größter Mühe zieht sie das Mädchen weg von dem Fenster, dass sie einstmals vernagelt hatte, damit das Mädchen ihr nicht entfliehen konnte, durch das Zimmer in die Küche, zur Tür, die sie dem zurückkehrenden Mädchen geöffnet hatte, hinaus auf den Rasen vor das Haus, weiter zum Stall zu und hinein, wo sie eine Grube vorbereitet hatte. Der Boden der Grube ist mit unzähligen Tulpenblüten bedeckt. Sie lässt das nackte mit Tulpenblättern eingeriebene Mädchen in die Grube gleiten, wo sie in die Blüten fällt, wie in ein Bett. Danach bückt sie sich in die Grube und zwängt den Nuckel in den erstarrten, leicht geöffneten Mund. Bis zum Morgengrauen kniet die Oma an der Grube und weint und betet und streut Tulpenblätter über ihre Enkelin, bis diese nicht mehr zu sehen ist. Mit dem ersten Hahnenschrei beginnt sie die Grube mit Sand zu füllen. Sie klopft den Sand fest und sinkt ein letztes Mal auf die Knie um zu beten. Sie geht an den Schrank, dessen Tür sich in Richtung der ehemaligen Grube öffnet. Im Schrank hängt ein kleines Kreuz. Sie hängt ein zweites dazu und legt einige Tulpenblätter darunter. Sie schließt den Schrank und beginnt die Dielenbretter über das Grab zu legen und danach Spreu auszustreuen.

Wochen später hält ein Polizeiwagen vor der Hecke des Hauses. Die Alte sitzt im Zimmer des Mädchens vor dem Fenster und starrt hinaus, als warte sie auf jemanden. Die Polizei klopft, geht ums Haus, klopft abermals und tritt dann die Tür ein. Ein grässlicher Gestank empfängt sie. Sie reißen statt der Pistolen Tücher aus ihren Taschen und pressen sie gegen Nase und Mund. Überall stapelt sich dreckiges Geschirr, liegen Abfälle, Zeitungen und Unmengen von Töpfen mit verdorrten und geköpften Tulpenstümpfen. Kleine und große Fliegen, fette Brummer, Asseln und Schaben schwirren bei jedem Schritt der Polizisten auf und auseinander. Rufend gehen sie durch die Küche, die Stube, hin zu dem Zimmer, wo sich das Mädchen eingerollt, den Nuckel in den Mund gesteckt, bis in die Nacht geweint, dann aus dem Fenster gestarrt, die Beichte der Oma empfangen hatte und zu Gott verabschiedet worden war.
Sie bleiben in einigem Abstand vor der Alten stehen. Sie wendet sich den beiden Männern zu. Die erschrecken über das Aussehen der Alten, die einen verwahrlosten Eindruck macht. Und, was normal für einen Scherz gehalten wird, in dieser Situation den Polizisten aber den letzten Beweis liefert, sie hat einen Nuckel im Mund und eine Puppe im Arm. Die Polizisten, die nur nach dem Rechten schauen wollten, da man sich im Dorf Sorgen um die Alte gemacht hatte, rufen über Funk eine Ambulanz, die nach einer halben Stunde eintrifft. Ohne Gegenwehr lässt sich die Alte mit dem Nuckel im Mund und der Puppe im Arm aus ihrem Haus in den Ambulanzwagen führen. Kurz bevor sich der Wagen in Gang setzt, wird die Alte unruhig, scheint sie aus ihrer Lethargie zu erwachen. Von einem Geistesblitz getroffen, bringt sie, wie es die zum Tode Verurteilten üblicherweise tun, einen letzten Wunsch hervor. Die Tür wird geöffnet und der Alten aus dem Wagen geholfen. Während sich die Krankenpfleger frische Luft zufächeln und sich eine Zigarette anzünden, tippelt die Alte in ihr Haus, in die Küche und entnimmt ein Glas dem Küchenschrank, steckt es unter den Rock und schlägt durch die Hintertür den Weg zum Stall ein. Im Stall, wo sie ihre Mädchen unter den von Spreu bedeckten Dielen begraben hat, wendet sie sich zum Schrank und greift die Kreuze. Dann legt sie sich auf die Spreu, küsst die Kreuze, betet, legt die Kreuze unter sich, setzt das Glas mit der Flüssigkeit an den Mund, trinkt es leer und legt sich auf die Gräber ihrer Lieben.