Erdnah und wortfern

Von hier konnte sie alles überblicken. Das war nicht natürlich für sie. Sie war es gewohnt nichts zu überblicken, da ihr ständig irgendwer die Sicht verstellte. Wenn alle schon Oh riefen, reckte sie noch den Hals, um eine Lücke zu finden, oder kämpfte sich wie ein Kind unter vielfachen Entschuldigungen zwischen den Körpern hindurch, der freien Sicht auf das Bestaunte zu. Das fand sie entwürdigend. Daher vermied sie es zu Umzügen, Stadtfesten, Konzerten, ins Theater, ins Stadion, ins Kino zu gehen. Sie mied alle Orte, die ihre Kleinwüchsigkeit für sie besonders schmerzhaft sichtbar werden ließen, wie Cafés, Restaurants, Frisöre, Imbissbuden alle Geschäfte, Banken samt Bankautomaten, Busse und Bahnen. Sie liebte einsame Straßen, weite Wiesen, abgemähte Felder, flache Seen, Hügel, Dächer, Aussichtstürme, Rolltreppen und den Friedhof, auf dem sie ihr Leben lang gearbeitet hatte, weil sich dort alles unter, auf oder knapp über der Erde abspielt.

Frau Wenzel hockte im Sessel auf dem Dach ihrer kleinen Gartenlaube, die sie sich von dem Erlös ihrer Lebensversicherung gegönnt hatte und fühlte, dass dieser Ort seinen Zauber eingebüßt hatte, dass er welk geworden war, wie die Blumen und das Essen auf dem für das gestrige Familientreffen hergerichteten und noch nicht gereinigten Tisch.

Seit mehr als neun Jahren thronte Frau Wenzel bei Wind und Wetter auf diesem Dach und überblickte die Gartennachbarn, deren Hecken, Windschutzzäune, Lauben, Bäume, das angrenzende Feld mit dem Teich und den zwei alten Weiden, blickte über die entfernt liegende Straße, über eine alte windschiefe Scheune bis hin zur Stadt, wo sie eine kleine Wohnung besaß, die sie aber mehr als Wohnsitzangabe bei den Ämtern, denn zum Wohnen nutzte.
Eine bequeme Treppe führte auf das Dach ihrer orange gestrichenen Laube. Das Dach hatte sie einzäunen lassen wie einen Balkon oder eine Terrasse. Die Hälfte des Daches überragte ein Baldachin aus gewundenen Weidenzweigen.
Je fünf Weidenstöcke, die sie von den zwei großen Weidenbäumen am Teich abgeschnitten hatte, hatte sie vor zehn Jahren rechts und links der Laube in die Erde gesteckt. Alle Stöcke hatten auszuschlagen und rasch zu wachsen begonnen. Jedes Jahr hatte sie die Zweige beschnitten, geflochten und hochgebunden, bis sie sich eines Tages über dem Dach getroffen hatten. Sie hatte sie wieder zusammengebunden und mit langen Stangen abgestützt und schließlich erreicht, dass sich die Zweige selbst halten konnten. Jahr für Jahr hatte Frau Wenzel den Schnitt perfektioniert, so dass ein üppiges und dichtes Weidengeflecht entstanden war, das sie vor Regen, Schnee, Wind und Sonne schützte. Im Sommer sah die Laube wie mit einer grünen Weidenmütze bedeckt aus, im Winter, wenn es mal richtig geschneit hatte, wie unter einer riesigen Schneewehe versteckt. Unter dem Weidendach befanden sich ein Sessel, ein Schrank, ein ausziehbares Sofa, ein Stück Auslegware, mehrere Lichterketten, eine Stehlampe, eine Campingkochplatte und ein Wasserhahn mit einer Schüssel darunter, mehrere Klappstühle und ein großer ausziehbarer Tisch für zehn Personen, an dem die Familienfeierlichkeiten stattfanden. Von denen gab es viele. Denn immer, wenn eine Feier anstand, dekorierte sie unter Aufbietung all ihrer Fähigkeiten das Dach und den Baldachin mit den ideenreichsten Blumenkompositionen. Dann deckte sie den Tisch und begrüßte jeden, Tochter und Sohn, Schwiegertochter und Schwiegersohn, Enkelkinder und natürlich ihn mit einer Blume.
Das Dach war Frau Wenzels Wohnstube. Hier empfing sie neben der Familie ihre Gäste. Dazu zählten Reporter verschiedener Zeitungen, die von diesem spleenigen Kleinod in kleineren Regionalzeitungen berichtet hatten. Zwei Frauen vom Einwohnermeldeamt waren vor Jahren von Frau Wenzel freundlichst mit Kaffee bewirtet worden, die von argwöhnischen Gartennachbarn alarmiert, nichts gesetzwidriges finden konnten, da Frau Wenzel, obwohl ständig unter diesem Weidendach lebend, über eine als festen Wohnsitz zu definierende Wohnung verfügte, so dass sie nicht in die Rubrik obdachlos fiel. Ein Liebespaar hatte sich eines Sommerabends von einem Unwetter auf dem Feld überrascht zu ihr unter das von Lichterketten erleuchtete Dach geflüchtet. Frau Wenzel hatte ihnen das Sofa überlassen und unter ihnen in der Laube geschlafen, wo sie aber lange kein Auge zumachen konnte, da sie die Geräusche des Sofas wach hielten und Träume vom Friedhof aufspülten. Später wurde sie vom mittlerweile verheirateten Liebespaar besucht und ihr das Baby vorgeführt, welches das Paar in jener Nacht auf dem Sofa gezeugt hatte, was Frau Wenzel zu Tränen gerührt hatte. Ein Fotograf, der über einen Zeitungsartikel auf die Laube aufmerksam geworden war, besuchte sie in einem Jahr acht Mal, zu jeder Jahreszeit zwei Mal, und knipste etliche Bilder von der orange gestrichenen Laube mit der Weidenmütze und machte Frau Wenzel zum Model. Später erhielt sie ein Exemplar eines Jahreskalenders mit den märchenhaften Bildern ihrer Laube und sich selbst als Zwergenoma unterm Weidendach, der ihm, so berichtete ihr der Fotograf im beigefügten Brief, großen Erfolg vor allem bei den an Kuriositäten immer interessierten Amerikanern und Japanern eingebracht hatte. Dieser Kalender hatte ihr sogar kurz nach seinem Erscheinen den Besuch eines Regisseurs beschert, der von den Kalenderbildern so angetan war, dass er diese Laube als Filmkulisse für einen Märchenfilm nutzen und Frau Wenzel gleich als Statistin engagieren wollte. Frau Wenzel lehnte ab, da ihr der Rummel doch zu groß gewesen wäre.

Die sechs Gartennachbarn, die zu dieser winzigen Gartenkolonie gehörten und sich aus drei Familien mit Kindern, zwei Rentnerpaaren und einem etwa 40jährigen Junggesellen zusammensetzten und die ihre Gärten allesamt mit mannshohen Hecken umschlossen hatten, die trotzdem nicht hoch genug waren, um vor den überblickenden Augen ihrer eigenartigen Nachbarin zu schützen, misstrauten Frau Wenzel derart, dass sie jegliches Wort mit ihr vermieden, obwohl Frau Wenzel stets jeden von ihrem Dach aus mit Familiennamen laut und vernehmlich begrüßte. Dank dieser Nachbarn gehörten nicht nur die Kinder zu Frau Wenzels Gästen, die heimlich im Schutz der mannshohen Hecken zu Frau Wenzel schlichen und den ihnen dort gebotenen Überblick genauso genossen wie die zwergenhafte Frau, nein, es hatten außer den schon genannten Gästen auch zwei Polizisten dazu gehört, die den Grad der von Frau Wenzel ausgehenden überblickenden Belästigung beurteilen sollten und diese bei einem deftigen Kaffee unter dem Weidendach als gering einschätzten. Es hatten ebenso drei Sanitäter die Gästeliste vervollständigt, die mit Blaulicht über die entfernt gelegene schneebedeckte Straße und den tief verschneiten Feldweg auf den Garten mit der Laube unter der riesigen Schneewehe zugebraust kamen. Dort saßen sie bei heißem Tee und maßen den Gesundheits- und Geisteszustand der Frau, der außer der Körpergröße nichts zu fehlen schien. Sogar Geister hatten die lieben Nachbarn der Frau geschickt, die durch die jahrelange Friedhofsarbeit wenig geistergläubig war und sich dank ihres Überblicks rechtzeitig gegen sie wappnen und selbst als Schreckensbote auftreten konnte. Sie hatte eine Rundumleuchte aus ihrem Schrank geholt und diese, als die Geister die Treppe besteigen wollten, zum Rundumleuchten gebracht und mit Rundumschreien untermalt, so dass die Geister erschrocken die Flucht ergriffen hatten. Ebenso war es mehreren Dieben ergangen, die aber nicht von den Nachbarn gesandt worden waren, sondern aus eigenem Entschluss die sechs Gärten aufgesucht hatten.

Frau Wenzels liebster Gast in all den Jahren war ihr langjähriger Arbeitskollege auf dem Friedhof Herr Grutkowski gewesen. Mit ihm hatte sie sich ohne Worte verstanden, denn Reden war nicht seine Sache. Deshalb hatte er, wie Frau Wenzel wegen der Erdnähe, wegen der Wortferne dieses Ortes dort gearbeitet. Herr Grutkowski war ein großer, kräftiger Mann gewesen, was nötig war, da er viel graben musste, während Frau Wenzel ruhig so klein und zierlich sein konnte, da sie die Bepflanzung vorzunehmen hatte. Einunddreißig Jahre hatten sie zusammen gearbeitet. Dann war Herr Grutkowski in Pension gegangen und Frau Wenzel hatte sich ihre Lebensversicherung auszahlen lassen, um fortan von ihr, den Ersparnissen und einer bescheidenen Rente zu leben. So oft es ihm möglich war, hatten sie sich auf Frau Wenzels Laubendach wortkarg und erdnah aber selig ob des Überblicks, welcher ihnen durch diesen Ort geboten wurde, getroffen.

Bevor Frau Wenzel endlich ihre Ruhe auf dem Friedhof gefunden und den großen schweigsamen Herrn Grutkowski zu schätzen gelernt hatte, hatte sie mit Ehrgeiz und Ernsthaftigkeit ihren Weg als Zwergin zu gehen versucht. Frau Wenzel war keine Liliputanerin, was ihr sehr wichtig war. Sie war eine kleine, sehr kleine Frau, bei der alles wohl proportioniert war, nur eben viel kleiner. Als die anderen Kinder ihrem kindlichen Körper zu entwachsen begannen, hörte sie einfach auf damit. Lediglich das Becken und der Po rundeten sich und ein kleiner Busen spannte sich unter ihren Kinderblusen. Mit 16 sah Frau Wenzel aus wie 10 mit 18 nicht viel älter, was ihr Spott oder mitleidiges Lächeln eingebracht hatte, aber keine Freundschaften weder mit Mädchen noch mit Jungen.
Ihre Eltern hatten sich wegen des plötzlichen Wachstumstopps besorgt und bekümmert gezeigt und sogar von ihrem Dorf den Weg zu einem Arzt in der Stadt gesucht, sich dann aber mit der Auskunft, da kann man nichts machen, zufrieden gegeben und später gemeint, dass es zu jedem Topf einen Deckel gibt und die Fidschis auch nicht größer seien und Kinder bekommen können, worauf Frau Wenzel zu der Erkenntnis gelangt war, dass sie nicht mehr auf ihre Eltern bauen konnte. Frau Wenzel hatte daraufhin beschlossen sich in der Schule besonders anzustrengen, was sie auch erfolgreich und beurkundet getan hatte. Wegen ihres kleinen Wuchses wollte sie groß hinaus, wobei der Wunsch nach größtmöglichem Überblick eine wichtige Rolle gespielt hatte. Da sie als Stewardess, Pilotin, Fallschirmspringerin und Brückenbauerin wegen ihres Kleinwuchses abgelehnt worden war, sah sie nur in einem erdnahen Beruf eine Chance. Da Blumen ziemlich erdnah gediehen, hatte sie sich schließlich für die Lehre als Blumen- und Kranzbinderin beworben, wo sie sich als äußerst geschickte und vor allem geschmackvolle Binderin Lob über Lob erworben hatte. Frau Wenzel war am Ende ihrer Lehre als beste Blumen- und Kranzbinderin ihres Jahrganges ausgezeichnet worden und hatte durch den Gewinn mehrere Blumendekorationswettbewerbe die hervorragende Ausbildungsqualität der Schule öffentlich zur Schau gestellt. Später hatte sie sich auf dem Friedhof durch Intuition zur Friedhofsgärtnerin weitergebildet und mit ihren Kranzgebinden und Grabbepflanzungen ganz neue Wege beschritten, was in etlichen Fachzeitschriften dokumentiert und durch manchen Preis beurkundet ist und auf Messen und Gartenschauen von Tausenden staunenden Augen zu bewundern war. Sie hätte eine großartige Karriere machen können, wäre ihr der kleine Friedhof mit seinem Herrn Grutkowski nicht zu sehr ins Herz gewachsen.
Bevor dies geschah, hatte Frau Wenzel mit Ambitionen in verschiedenen Blumengeschäften gearbeitet, wo sie aber wegen der Höhe der Bedientische und Kassen trotz beurkundetem bestem Abschluss nie vollwertig eingesetzt worden war und oft von den vielen Herren, die ihren großen Frauen Blumen kauften, hinter Sonnenblumen, Rittersporn, Stockrosen, Eimern voller Rosen und Nelken und diversen Palm- und Farnblättern gar nicht wahrgenommen wurde, und das, obwohl sie manchem Herrn durch die Blumen hindurch mit großen, schönen Augen auf sich aufmerksam zu machen versucht hatte.

Den Blumengeschäften kehrte sie plötzlich im Augenblick ihres größten Erblühens und unwiderruflich den Rücken, da ihr das Arbeiten darin zu hoch und gefährlich war.
Der Blumengeschäftsbesitzer Herr Speck hatte sich gern der Dienste Frau Wenzels bedient. Er hatte ihr ein großes Podest hinter der Kasse und Laufstege zwischen den vielen Blumen gebaut, so dass Frau Wenzel, die Blumen überragend, sehr gut zur Geltung kam und ob dieser überschauenden Bedingungen im Geschäft ungeahnt und bis dato unerreicht erblüht war und mit ihr das Geschäft. Dieser Herr Speck mochte das Kindliche an Frau Wenzel sehr, weshalb er sie auch immer mein kleines Schulmädchen genannt hatte. Er ließ es sich nicht nehmen, ja, lauerte förmlich darauf, sie auf die und von den Podesten zu heben. Frau Wenzel, beurkundet klug, hatte schon erkannt, dass dieser ältere Herr, gerne mit ihr seine Träume füllte, was ihr zu ihrem Bedauern nicht imponieren konnte, obgleich sie sich sehr nach männlicher Beachtung gesehnt und sie ihrerseits nächtens ihre Träume mit Männern gefüllt hatte, aber eben nicht mit jenen Männern vom Schlage Herrn Specks. Sie hatte sich wirklich Mühe gegeben, etwas Liebenswertes, etwas, das ihr kleines Herz groß machen könnte, an Herrn Speck zu finden. Sie hatte versucht sich selbst zu einem Kompromiss zu überreden. Doch jedes Mal, wenn Herr Speck sie vom Podest ungebeten hochgehoben und sie in der Luft schwebend mit einem Arm an sich gedrückt und mit der freien Hand über ihren Rücken zum Po und noch tiefer geknetet hatte, war der Kompromiss nicht mehr tragfähig.
Als Herr Speck eines schönen Abends nach dem Abschluss der für ihn überaus erfreulichen Buchhaltung und mehreren Gläsern Wein wieder Frau Wenzel ungebeten vom Podest gehoben hatte und Frau Wenzel den Eindruck gewinnen musste, dass sie sein Arm erdfern zu belassen gedachte, während sich seine freie Hand nicht lange im Kneten verlor, sondern heftigst unter ihren Rock griff und den Schlüpfer vom kindlichen Po zu zerren begann, so dass nur noch ihre zappelnden Beine mit einem zufälligen Tritt zwischen Herrn Specks Beine den haltenden Arm zu lockern vermocht hatten und Frau Wenzel, endlich wieder auf dem Podest stehend aber noch nicht der am Schlüpfer zerrenden Hand endwunden, einen Blumentopf ergriffen und diesen mehrmals auf den Kopf des Herrn Speck geschlagen hatte, bis der Topf zersprungen war und Sand nebst etwas Blut das Haupt des Herrn Speck bedeckt hatte, als dies also geschehen war, kehrte Frau Wenzel plötzlich aber aus verständlichem Grund allen Blumengeschäften und ihren Besitzern nach fast zehn vergeudeten Jahren den Rücken.

Frau Wenzel war vom Friedhof gekommen und hatte sich wie jeden Morgen nur um einige Stunden verspätet einen Kaffee gebrüht. Sie hockte in ihrem Sessel und beobachtete die wenigen Autos auf der fernen Straße in ihrem Drang nach schnellem Fortkommen und fühlte sich winzig und hilflos unter ihrem Baldachin, wo sie sich doch sonst immer riesig und überlegen unter diesem Dach vorgekommen war, und wusste nicht worauf sie warten sollte, für wen sie sich ihre Freude und ihre Geschichten von früher und ihre Sehnsucht nach Umarmung und Festhalten, nach Dasitzen und wohliger Stille, nach Kaffee- und Zigarrenduft aufheben sollte. Welk, dachte sie, nun ist alles welk.
Auf dem Friedhof war sie blühend alt geworden, nun war sie gebrochen wiedergekommen. Was er ihr gegeben hatte, hatte er ihr genommen und sie wusste, dass sie, die sie Tausende Gräber zur Freude der Hinterbliebenen erblühen lassen hatte, sein Grab nie bepflanzen können wird. Sie hatte sich versteckt und aus der Ferne zugesehen, wie sich die Familie, zu der sie nie gehört hatte, um seinen mächtigen Sarg versammelt hatte. Sie kannte sie alle und deren Geschichten und sie hatte sie beneidet um diesen Ehemann, Vater, Opa, Onkel, Freund.
In ihren Träumen hatte sie sich ihre Familie um ihn gebaut. Sie hatte Namen für ihre ungeborenen Kinder erfunden und sie wachsen, zur Schule, heiraten und wieder Kinder kriegen lassen. Sie hatte ihm, eingewickelt in seinem Körper, von dem Werden und Gedeihen ihrer beider Kinder erzählt und er hatte ihr zugehört und gestreichelt und das ist fein gesagt. Sie hatte ihm von ihren Sorgen mit dem Sohn, der Tochter erzählt, ihn um Rat gefragt, Entscheidungen mitgeteilt. Sie hatten auf ein erfolgreiches Studium des Sohnes angestoßen, auf das erste Konzert der Tochter, auf die Geburt der Enkelkinder. Später unter dem Baldachin hatte sie zu den familiären Feierlichkeiten das Dach mit Blumen überschüttet und den Tisch für alle gedeckt und gewartet, dass er kam und mitfeierte. Er kam immer. Nie vergas er einen Geburtstag oder eine Hochzeit. Er kam zu Ostern, wie zu Weihnachten, zur Taufe, zur Kommunion und zu den vielen spontanen Feiern, wenn eines der Kinder Frau Wenzel besucht hatte.
Alle wurden im Sarg verstaut zu Grabe getragen: Tochter und Sohn, Schwiegertochter und Schwiegersohn, Enkelkinder und er selbst. Heimliche Tränen hatten ihren immer noch kindlichen Leib erschüttert, bis sie es nicht mehr ertragen hatte und sich unbemerkt entfernt und ein letztes Mal gewünscht hatte an Stelle der anderen kleinen Frau zu sein, die ganz öffentlich weinen durfte mit zwei großen, starken Söhnen an ihrer Seite, die auch Frau Wenzel gerne gehabt hätte, damit diese an seinem Grab ihren sich schüttelnden Leib auf sich versagenden Beinen gehalten und sie dann nach Hause gebracht hätten und nicht wie ihrer beider Kinder mit ins Grab gestiegen wären.

Frau Wenzel starrte durch einen Tränenvorhang auf dem vom Vorabend gedeckten Tisch auf dem die Blumen welkten und das Essen zu faulen begann, voll der Spuren ihrer nun begrabenen Familie und schlürfte ihren mittlerweile kalten Kaffee.
Ein großes kranartiges Fahrzeug bog von der fernen Straße auf den Feldweg ein und hielt auf die Gärten zu. Dann verließ er auch den Feldweg, suchte sich einen eigenen Weg quer übers Feld auf den Teich mit den alten Weiden zu. Dort hielt er und zwei Männer stiegen aus. Ein Mann kletterte auf den Kran und reichte dem anderen etwas herunter. Frau Wenzel könnte die Augen schließen, könnte auf der Erde kauern, unter der Erde sein, sie würde auch ohne diesen Überblick erahnen, was das Geräusch bedeutete. Doch dank des Überblicks sah sie, wie die Männer die alten, wilden Weiden Stück für Stück absägten. Nach einer Stunde waren nur noch Stümpfe zu sehen, die mittels des Krans herausgerissen wurden. Nach einer weiteren viertel Stunde waren alle Baumteile verladen und das kranartige Auto fuhr weg. Frau Wenzel weinte und dachte, dass alles zusammenkommt und es zu viel für einen Tag ist. Sie legte sich auf ihr Sofa und drehte sich weg von ihrem Überblick hin zur Weidenwand und strich über die aufs Sofa hängenden Weidenblätter und weinte.
Sie schlief den ganzen Tag, die ganze Nacht und erwachte von einem Dröhnen, als würden Panzer über das Feld fahren. Sie blickte aufs Feld und sah drei Bulldozer Erde vom Feld in den Teich schieben. Es dauerte nur zwei Stunden dann war der Teich zum Feld geworden. Frau Wenzel starrte von ihrem Dach auf das Feld, dass ohne Weiden und Teich nicht mehr ihr Feld war. Es war nicht mehr ihr Ausblick. Und wieder legte sie sich auf ihr Sofa und schlief den Tag und die halbe Nacht. Mitten in der Nacht erwachte sie, weil ihr jemand über den Rücken strich. Sie drehte sich um und sah den blassen aber wie immer schmunzelnden Geist des Herrn Grutkowski.
Kommst du doch wieder zu mir, sagte sie und er antwortete, wie könnte ich dich lassen. Er legte sich zu ihr und umschloss ihren kleinen Körper mit dem seinen. Er roch vertraut nach Erde und Zigarre und sie sagte, du kannst das Rauchen nicht lassen, und er antwortete, wieso auch, dich konnte ich auch nicht lassen und hat es mir geschadet? Ich weiß nicht, sagte sie, das musst du wissen. Dann schwiegen sie.

Nach den Blumengeschäften kam eine ganze Weile nichts. Frau Wenzel gehörte in dieser Zeit zu den ganz wenigen Arbeitslosen, was von den Mitmenschen mit Abscheu gesehen wurde, da Arbeitslosigkeit nur eine Frage von Faulheit und Asozialität sein konnte. Frau Wenzel litt sehr und versteckte sich in ihrer Zweizimmerwohnung vor dem Fernseher, wo sie den fernsehlosen Vormittag, vor Kreuzworträtseln und Katalogen verbracht hatte und sich dann von Drehscheibe, Bonanza, Dalli Dalli, Was bin ich, Tagesschau; Die Vögel, Dracula, Winnetou, Skispringen und Fußball, Willi-Brand-Reden und Strauß-Geschimpfe unterhalten lies, bis sie ein arbeitsamtliches Schreiben ins Leben zurückholte, auf die Straße, zum Fotografen trieb, der ihr ein Passfoto machte, sie an die Schreibmaschine drückte, wo sie ihr Leben zusammenfasste und diesem Abschlüsse, Urkunden, Beurteilungen zufügte, die sie in einen Umschlag zwängte und diesen eilenden Schritts der Stadtverwaltung Abt. Friedhofverwaltung/Gartenbau direkt in den Briefkasten steckte, die jemanden für die Blumenbinderei und Grabgestaltung suchten. Es folgte die Einladung zu einem Gespräch, das Frau Wenzel all ihr verbliebenes Selbstbewusstsein zusammennehmen lies. Sie setzte sich klein und zierlich zu den anderen wartenden und hoffenden und natürlich viel größeren Damen, die sich, sie erblickend, ein Schmunzeln nicht verkneifen konnten und leichtsinnig Frau Wenzel als Konkurrentin ausschlossen.
Im Büro erwartete sie ein kleiner Herr, der ebenfalls schmunzelte als er Frau Wenzel herantrippeln sah. Doch er schmunzelte eher verbunden, mitfühlend. Dies spürend entfaltete Frau Wenzel ungeahnten Charme, ungeahnte selbstbewusste Gesprächigkeit und verließ das Büro siegesgewiss und mit dem Gefühl einen Verehrer gefunden zu haben, der es sich dann auch nicht nehmen lies, ihr persönlich per Telefon seinen für sie positiven Bescheid mitzuteilen und verband dies sogleich mit einer Einladung für ein Abendessen, das sie dankbar annahm. Nach dem eigentlich schönen Abendessen musste sie sich eingestehen, dass sie, obwohl selbst klein, aber vielleicht gerade deswegen, kein Interesse an kleinen Männern aufbringen konnte. Dies wissend nahm sie trotzdem weitere Einladungen ins Kino, Restaurant, Schwimmbad an, ohne dass sie sich wirklich für den kleinen Herrn erwärmen konnte, wenngleich sie die Aufmerksamkeit und das Bemühen genoss. Wieder versuchte sich Frau Wenzel im Kompromiss, die darin von ihrer Mutter, die sie nach Jahren um Rat fragend aufgesucht hatte, bestärkt wurde, da diese meinte, es muss nicht Liebe sein, um eine Familie zu gründen, Hauptsache, man ist nicht alleine, man achtet und respektiert sich und der Mann kann einen versorgen. Als Frau Wenzel von Glück und Zärtlichkeit, von Herzklopfen und Rotwerden, von Sehnsucht und Lust zu sprechen anfing, meinte die Mutter, das ist etwas für junge Mädchen und nicht für eine dreißigjährige Frau und das mit dem Verliebtsein ist sowieso nur am Anfang vorhanden. Das verliert sich schnell und darauf kommt es nicht wirklich an. Sind die Kinder erstmal da, dann ist die Familie wie ein Betrieb. Jeder hat seine Aufgabe. Das andere kommt nur in Liebesromanen vor. Aber der Mann sollte schon verliebt sein, schob die Mutter mahnend hinterher. Derart agitiert versuchte sich Frau Wenzel mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass der kleine Herr, Beamter und gut verdienend und sie offensichtlich lieb habend, der Deckel sein musste, der für sie vorbestimmt war. So begann sie bei den nun fast täglichen Treffen seine Annäherungen zuzulassen. Sie konnte eine gewisse Neugier und Aufgeregtheit, die aber eher der Neugier und nicht dem Mann geschuldet war, nicht leugnen. Am Abend vor ihrem Arbeitsantritt auf dem Friedhof willigte sie ein, die Nacht beim kleinen Mann zu verbringen, wohl wissend, was er sich von dieser Nacht versprach. Sie lies sich küssen und küsste zurück, möglichst heftig, um aufwallende und zunehmende Aufgeregtheit vorzutäuschen, lies sich abtasten, entkleiden und genoss schon die bewundernden Blicke, die ihr Körper beim kleinen Mann hervorrief, der immer noch etwas kindlich Zartes ausstrahlte und mit kleinen fraulichen Rundungen an Po und Brust und etwas spärlichem Haar ausgestattet war. Sie schloss die Augen, um sich etwas Erregendes vorzustellen, um annähernd mit dem Tempo seiner steigenden Erregung Schritt halten zu können. Doch leider glitten ihre Fantasien nicht zu heißen Filmszenen. Sie fing zu Lachen an, was ihr schon als unpassend bewusst war, konnte allerdings nicht anders, da sie sein Mühen und Werkeln als nur noch komisch empfand, sich aber hinter besonderer Kitzligkeit versteckte und ihn damit vertröstete, dass das eh alles etwas schnell sei, sie noch genügend Zeit dafür hätten und sie auf den morgigen Arbeitsbeginn konzentriert sei, den sie auch lieber von ihrem Bett aus angehen würde.

Als sie anderntags das Büro des Freidhofsverwaltungsgebäudes betrat und ihr Herr Grutkowski als ihr Mitarbeiter vorgestellt wurde, der sie ob seiner Größe und kräftigen Gestalt fesselte und bewegungslos werden lies, ergriff Herr Grutkowskis ihre in der Luft verharrende Hand, drückte diese kräftig, um sofort kopfschüttelnd und laut lachend zu gehen. Frau Wenzel wertete dies als arrogante Reaktion auf ihre Erscheinung und war sofort sehr traurig, was sie in jenem Moment noch nicht zu deuten wusste. Nach einer Friedhofsführung, der Unterweisung in die Blumenbinderei durch die ausscheidende Mitarbeiterin, die kein gutes Haar am Herrn Grutkowski lies, weil der nie redete und wie ein brutaler Riese aussah, dass sogar die Geister des Friedhofs vor ihm Angst hätten, geschweige denn die Kunden, die auch kein gutes Haar an diesem kleinen, gammligen Friedhof lies und sich glücklich schätzte diese langweilige Blumen- und Kranzbinderei, wo man mit kalten toten Blumen für Tote und fast Tote seinen Tag totschlug, hinter sich zu lassen.
Danach war Frau Wenzel alleine. Sie setzte sich an den Tisch, wo die Blumen und Kränze gebunden werden und stellte fest, das alles viel zu hoch für sie war und blickte dann aus dem Fenster, wo sie Herrn Grutkowski zusah, wie er Bretter aus einem Schuppen geholt hatte und zu sägen und zu nageln begann. Als brutal und wild hatte die scheidende Mitarbeiterin Herrn Grutkowski charakterisiert. Frau Wenzel neigte den Kopf, wie sie es oft beim Binden von Blumensträußen und Gestecken macht, weil die Veränderung der Blickperspektive zu überraschenden Einsichten, zum Erkennen des entscheidenden Punktes, der eine Gebinde ins Außergewöhnliche erhebt oder im Durchschnitt belässt, führen kann. Frau Wenzel nickte. Sie fand ihn auch etwas wild aussehend, aber nicht Angst einflößend, eher kuschelig wild und schön groß und schön kräftig und mit einem eigenartigen breitbeinigen Gang versehen. Nein, brutal wollte Frau Wenzel nicht gelten lassen.
Am nächsten Tag fehlte Herr Grutkowski, was Frau Wenzel abermals unerklärlich traurig stimmte, da er sich krank gemeldet hatte. Am übernächsten Tag schien ihr Herr Grutkowski seltsam bedrückt, sehr blass und jeden Kontakt mit ihr meidend.
Frau Wenzel fand sich schnell zurecht auf dem Friedhof und in der Blumenbinderei und entwickelte sehr rasch ihre eigene Handschrift, änderte die Art der Blumen, der Gebinde, der Kränze und machte sich daran neue Ideen für die Grabgestaltung zu entwickeln.
Herr Grutkowski fing sich und begann wieder jedes Mal, wenn er Frau Wenzel begegnete, den Kopf zu schütteln, was Frau Wenzel sehr irritierte, da sie nicht wusste, wie sie das zu nehmen hatte. Zum Mittag kam er herein und brachte ihr unaufgefordert etwas zu essen, setzte sich in ihr Büro und sah ihr zu, wie sie as, wie sie sich immerfort reckend Blumen band und schüttelte ein ums andere Mal den Kopf, ging hinaus und nahm das Sägen und Hämmern wieder auf.
Nach einer Woche, es war ein Montag und Herr Grutkowski hatte das Wochenende auf dem Friedhof verbracht, was Frau Wenzel nicht ahnte, kam sie in ihre Blumenstube, wie sie die Binderei jetzt nannte und für das sie mit amtlicher Erlaubnis des kleinen Herrn auch schon eine Anzeige in der örtlichen Zeitung platziert hatte, und fand etliche Podeste vor, die sie sehr begrüßte, die aber an schlechten Erinnerungen rüttelten. Trotzdem fand sie es sehr aufmerksam von Herrn Grutkowski, denn sie erkannte die gleich nach ihrer Ankunft begonnene Säge- und Nagelarbeit in den Podesten wieder, und beobachtete sich, wie sie versunken lächelnd über das raue Holz der Podeste strich. Als er hereinkam, sah er sie erwatungsvoll an. Da sie nichts sagte, meinte er, damit du dich nicht so recken musst bei deiner Blumenbinderei. Sie lächelte, wurde rot und bedankte sich und freute sich innerlich wie ein Kind.
Als sie nach drei Wochen Herrn Grutkowski als seine quasi Vorgesetzte zu einem Gespräch, man könnte auch Versammlung sagen, bat, schüttelte er wieder den Kopf, als er ihr gegenüberstand. Diesmal fragte sie, was ihm an ihr nicht passte. Mir passt alles an dir, sagte er, aber das Leben ist manchmal komisch. Dieser Zusammenhang erschloss sich Frau Wenzel nicht, doch es war ihr nicht möglich Herrn Grutkowski noch mehr zu diesem Thema zu entlocken. Dafür konnte sie ihn mit ihren Plänen der Friedhofs- und Gräbergestaltung begeistern, was sich nicht in vielen Worten bei ihm ausdrückte. Er sagte nur, das ist fein, nahm sie in den Arm und drückte sie ein wenig an sein Herz, dass sie gleichmäßig und kräftig schlagen hörte, und streichelte ihr über den Kopf, so dass sie die Augen schloss und sich an seine Brust presste und seinen Geruch nach Erde und Zigarren inhalierte und ihre Hände ein Eigenleben beginnend die Breite seines Brustkorbes abmaßen. Als sie am Abend wieder beim kleinen Herrn war und ihren Kopf an seine Brust gedrückt bekam, so dass sie seinen flackernden Herzschlag hörte, und sich des störenden talgig, schweißigen Geruchs bewusst wurde und ihre Hände auf die dünne, knöcherne Brust legte und nach dem suchte, was sie an der Brust von Herrn Grutkowski gefühlt hatte, wusste sie, dass die Brust des kleinen Herrn bei noch so gutem Willen nicht ihre Brust, dass der kleine Herr nicht der von ihren Eltern kühn prophezeite Deckel sein konnte.
Frau Wenzel entledigte sich ob dieser Erkenntnis des kleinen Herrn. Befreit und beflügelt strebte sie ihrem Friedhof, ihrer Blumenstube und sich noch nicht eingestehend doch allgegenwärtig fühlend ihrem Herrn Grutkowski zu, der sie nun bei jedem guten Vorschlag von ihr in die Arme nahm und das ist fein sagte, so dass sie mit jeder Idee als Vorschlag zu ihm kam, um sich ihre Umarmung abzuholen. Sie liebte es, sein Herz schlagen zu hören, ihre Nase in seinen nach Erde und Zigarren riechenden Pullover zu drücken, die Hände auf seine Brust zu legen und genoss die wenigen Sekunden, die sie sich gestattete. Denn noch immer siezte sie ihn und wahrte berufliche Distanz, was ihr alle Kraft der Beherrschung abverlangte. Denn längst hatte sie Herrn Grutkowski bei sich zu Hause einziehen lassen, wo sie ihn mit du und Wolfgang anredete, wo sie ihn jeden Abend an die Hand nahm und zum Bett führte, sich selbst aufs Bett stellte und einen Entkleidungstanz aufführte, der ihn so reizte, dass er sie nahm, in den Tanz einstieg und sie hochhob, so dass ihre Lippen die seinen treffen konnten und er sie sanft auf sein, wie sie sich ausmalte, fabelhaftes Geschöpf setzte.

Nach einem halben Jahr kam Frau Wenzel in ihr Büro des Verwaltungsgebäudes und fand ein üppiges Frühstück samt einiger Flaschen Wein vor. Sie war erstaunt, da ihr kein Anlass zum Feiern bekannt war. Als er hereinkam, wies er auf den Tisch und meinte, für ein feines halbes Jahr mit dir und damit du endlich du zu mir sagst, trinken wir jetzt auf uns. Ich heiße Wolfgang, ich trinke selten, dann aber kräftig, rauche Zigarre, aber nur die aus Cuba und Brasilien, brauche die Stille und rede nicht gerne, ich bin verheiratet und habe zwei Söhne. Ich weiß, antwortete sie und lächelte gequält und dachte, dass sie sich genau deshalb am förmlichen, offiziellen Sie festgehalten hatte, am Sie als letzte Schranke, die innerlich längst mit seiner ersten Umarmung eingerissen worden war. Nur noch das Sie und das Herr Grutkowski mahnten sie, dass er verheiratet und Vater war und alles weitere keinen Sinn machte.
Sie frühstückten und tranken Kaffee und Wein und Frau Wenzel stieg das Glück in den Kopf, dass sie anfing zu kichern und zu erzählen, bis ihr die Lippen summten, dass sie ihre Hand wandern lies, die sich mal auf seinen Arm, mal auf seinen Oberschenkel platzierte. Herr Grutkowski nickte und lächelte, schüttelte den Kopf und tatschte ihr Haar, strich über ihre Hand und das Bein und trank den Wein wie Saft. Als Frau Wenzel mit ihrem wahllosen Erzählen geendet hatte und vom Wein beschwert gegen seinen Arm sank, begann Herr Grutkowski zu erzählen. Er steigerte sich in einen Erzählrausch, wie ihn Frau Wenzel nie wieder erleben sollte, so dass Frau Wenzel am Ende des Tages wusste, warum Herr Grutkowski immer den Kopf schüttelte, wenn er sie sah. Sie war so gerührt, dass sie weinte und sich in seine sie umschlingenden Arme begab, um dem Herzschlag und dem Atem ihres Riesen zu lauschen, um Erd- und Zigarrenduft in sich strömen zu lassen, um sich endlich in seinen sie vollkommen umschließenden Körper fallen zu lassen, um sich seinen Händen zu ergeben, die sie hochhoben und in einen Raum führten, der Herr Grutkowskis Raum war, in dem er schlief, wenn es ihn nicht nach Hause zog. Dort trug er sie auf sein Bett und streifte ihre Kleidung ab und hob sie auf sich um sie zu küssen, zu drücken, zu streicheln. Frau Wenzels Herz raste, der Puls hämmerte und sie spürte das Blut durch die Adern hin zu ihren Schoß jagen, der sich füllte, und sich errötet nur leicht bedeckt vom hellblonden Flaum den Küssen Herrn Grutkowskis entgegenreckte und öffnete, um ihn einzulassen. Sie verlor sich in der Endlosigkeit seines Körpers, küsste blind und griff in ihn und biss und kratzte, da sie nicht wusste, wie sie sonst aushalten sollte, was sie durchfuhr. Sie wand sich geschmeidig unter seinen großen Händen, die sie hoben und senkten, verdrehten, verrenkten, die sie auf den Bauch und wieder auf den Rücken warfen, die sie zusammenfalteten und auseinander zogen. Alles wurde von ihrem Katzenjaulen, von ihrem Gesang des Rausches begleitet, der in einem Schrei gipfelte, einem Schrei mehr vor Schreck als vor Schmerz. Und als er anhob sich von ihrem stimmlichen Paukenschlag vertreiben zu lassen, drückte sie ihn zurück und sang mit ungebändigter Lautstärke, dass Herr Grutkowski sich veranlasst sah, ihr den Mund zuzuhalten, was nichts nützte.

Herr Grutkowski hatte früh bemerkt, dass er einen besonderen Hang zu ganz kleinen Frauen hatte, die er nur in der weiten Welt zu finden glaubte. Deshalb hatte er zehn Mal die Welt umschifft, wo er allerlei kleinen Frauen begegnet war. Zwar wäre ihm eine kleine Blonde am liebsten gewesen, doch weder in den Häfen Skandinaviens, noch in den baltischen oder russischen Häfen fand er diese kleine Blonde. Auch die rotblonden Frauen in Dublin vermochten ihn nicht gänzlich zu überzeugen, da selbst die kleinen ihm noch zu groß erschienen. Und waren sie klein genug, waren sie bucklig oder anderweitig missgestaltet oder übermäßig religiös. Auch in den Häfen Brasiliens, Argentiniens, Cubas, wo es, so schwärmten alle Seefahrer, die wildesten und heißesten Frauen gab, fand er dünne, auch kleinere, erst recht heiße und willige Frauen, aber nicht jene, weswegen er ausgefahren war. Erst in den Häfen Südostasiens wurde er fündig. Sein Paradies. Und er war dort eine Sensation, ein Riese, ein Tarzan, ein Goliath. So brachte Herr Grutkowski nach zehn Jahren eine sehr kleine, zierliche burmesische Frau und zwei kleine Söhne nach Deutschland mit, nebst einigen Tätowierungen, den sprichwörtlichen breitbeinigen Gang der Hochseefahrer und die Sehnsucht nach Ruhe und einem festen Platz, den er auf diesem Friedhof gefunden zu haben glaubte. Anders als andere Seefahrer, hatte er genug von der Welt, da er nicht der Welt wegen ausgezogen war, sondern einer kleinen Frau wegen, die er schließlich gefunden und mitgenommen hatte, und damit war er zufrieden und fertig mit dem unruhigen Teil seines Lebens.
Ein halbes Jahr nach seiner Wiederkehr, dem Einzug in eines dieser neuen seriellen Halbfamilienhäuser am Rande der Stadt, das er sich von seiner gesparten Heuer und einigen Nebengeschäften geleistet hatte, und der Aufnahme seiner Arbeit als Bestatter auf dem Friedhof, wurde ihm diese sehr kleine, zierliche, hellblonde Frau vorgestellt, so dass er, der zehn Jahre nach so einer in aller Welt gesucht hatte und sofort wusste, dass genau sie es war, nur den Kopf schütteln und herzhaft lachen konnte. Da sie ihm von Anbeginn so vertraut war, konnte er nicht anders, als du zu ihr sagen und sich am ersten Abend nach der Begegnung in bester Seefahrermanier besaufen und auf das Schicksal kotzen, das ihm diese kleine Frau, die quasi in unmittelbarer Nachbarschaft aufgewachsen war, so lange enthalten hatte, so dass er sich genötigt sah, eine kleine Frau vom anderen Ende der Welt mit sich zu nehmen, die nun seine Frau war und mit ihm zwei Söhne hatte und von ihm in dieser fremden und zu Fremden kalten Welt abhängig war.

Frau Wenzels Gesang dauerte die ganze Nacht und füllte jede Pause, die ihnen die Arbeit während der nächsten Tage bot, und ebenso das folgende Wochenende und immer wieder fragte er sie in den Pausen ihres Luftholens, wie fühlst du dich, und sie antwortete, wie ein nimmersattes Tier. Ich habe vieles nachzuholen, ich war am verhungern. Du gibst mir das Gefühl von dieser Welt zu sein, du machst mich groß, zu einer Riesin, worauf er sagte, das ist fein und sie, das größte Glück für mich ist, die Leidenschaft entdeckt zu haben und er antwortete, und für mich, dass alles von selbst kommt, wenn es Liebe ist. Es entsteht ein Sog, dem man sich nur schwer widersetzen kann. Und es bedarf keiner Kompromisse, weil alles passt.

Die Liebe beflügelte Frau Wenzel, sie sprudelte über vor Ideen und binnen eines Jahres war der Friedhof nicht mehr wieder zu erkennen, was sich herumsprach und immer mehr Kunden anlockte, die niemanden zu beerdigen hatten, so dass von beschaulicher Arbeit immer seltener die Rede sein konnte. Auf den Vorschlag Herrn Grutkowskis, eine Verkäuferin einzustellen reagierte Frau Wenzel ablehnend, weil sie jede weitere Person auf diesem Friedhof für überflüssig, ja, störend hielt. So blieb es, bis sich beide in Pension begaben und einen Friedhof hinterließen, der sich zu einem gartenarchitektonischen Touristenmagnet der Stadt entwickelt hatte und bei dem sich zum Mutter-, Frauen- und Valentinstag große Schlangen bildeten, da ihre Blumenkompositionen gerade an diesen Tagen heiß begehrt waren. An solchen Tagen stand sie podesterhoben neben Herrn Grutkowski, der ihr auf Zuruf Blumen, Stängel, Farne, Zweige schnitt und reichte wie eine Schwester dem Arzt das Besteck und steckte und wickelte und band, ohne dass je ein Strauß dem anderen glich oder fantasielos oder gar nachlässig gebunden erschien. Am Ende eines solchen Tages fielen sie in sein Bett, das Herrn Grutkowski augenblicklich in tiefen Schlaf zog, während Frau Wenzel immer noch über ihr Glück erstaunt, die Tiefe des Glücks zu begreifen suchte und zu Gott betete, dieses Glück nie enden zu lassen.
Insgeheim hoffte sie immer, spätestens aber mit der Selbstständigkeit der Söhne Herr Grutkowskis, dass er seine Frau, die, so wusste sie, von Heimweh geplagt unter häufigen sich verschlimmernden Depressionen litt, sich in ihre Heimat verabschieden würde, wobei sie davon ausging, dass er ihr zu liebe hier bleiben würde, was ihr aber, da Herr Grutkowski ein aufrichtiger und verantwortungsbewusster Mann war, nicht sicher schien. Daher lernte sie es, sich mit dem Moment zu begnügen und die Momente ungetrübt zu genießen und das Nachdenken zu beschränken und die nicht wenigen Abende und Nächte ohne ihn wenn nicht mit Arbeit, mit ihrer erfundenen Familie, ihrer Geisterfamilie zu füllen. Dies wuchs sich so weit aus, dass sie tatsächlich Kleidung, Schulsachen, Spielzeug, alles, was Kinder brauchten, kaufte. Sie schrieb für Kinder die Zeugnisse und Urkunden, die alle möglichen Talente und Erfolge beurkundeten, um sie stolz in Herrn Grutkowskis Raum dem Vater zu zeigen, dem dies manchmal unheimlich vorkam. Sie kaufte eine Geige, da die Tochter besonderes Talent im Geigenspiel zeigte und dem Sohn ein mehrbändiges Lexikon, da er so wissbegierig war, dass Frau Wenzel aus Unwissenheit vor seinen Fragen kapitulieren musste.
Herr Grutkowski bewunderte die unheimliche Fantasie und das Talent Frau Wenzels und nannte sie Künstlerin. Dieses Talent beschränkte sich nicht nur auf das Erfinden familiärer Geister, sondern vielmehr auf das Schaffen und Gestalten außergewöhnlicher Blumen- und Pflanzenkompositionen. Außerdem konnte sie Blumen und Pflanzen wachsen lassen, wie Herr Grukowski es nur unter tropischem Klima in Burma, Thailand oder am Amazonas in Brasilien erlebt hatte, so dass er im Frühjahr und Sommer mit dem Schneiden und Stutzen der Büsche und Bäume nur schwer nachkam. Frau Wenzel konnte sogar welke Pflanzen wieder zum Leben erwecken. So mancher exotische Rosenbusch hatte so unter dem Transport gelitten, dass er als verwelkt zu bezeichnen war. Doch Frau Wenzel gab keine Pflanze kampflos dem Komposthaufen preis und behielt die Pflanze einige Tage in ihrer Blumenstube, wo bei den meisten Pflanzen aus todgeglaubten Wurzeln neue Triebe erwuchsen. Unerklärlich blieb Herrn Grutkowsi ebenfalls, wie aus trockenen Stöcken nur in einen Topf gesteckt und nach wenigen Tagen des Zuspruchs durch Frau Wenzel frische kleine Triebe aus dem ehemals trockenen Stämmchen wachsen konnten.
Das Frühjahr und den Sommer liebte Frau Wenzel, denn dann konnte sie sich nicht nur am Wachsen ihrer Pflanzen ergötzen, sondern Herr Grutkowski übernachtete oft auf dem Friedhof. Im Herbst und vor allem im Winter tat er dies selten, da ihm die Rechtfertigung vor seiner Frau fehlte, die Herrn Grutkowski nie auf dem Friedhof besucht und die er nie mitgenommen hatte, da sie eine unbezwingbare Furcht vor Friedhöfen hatte. Im Winter weinte Frau Wenzel oft und grub sich in die Bettdecke von Herrn Grutkowskis Bett und tröstete sich mit dem nächsten Tag, der ihr Herrn Grutkowski wiederbringen würde.

Frau Wenzel machte kein Auge zu, sondern genoss den unerwarteten Besuch des Geistes von Herrn Grutkowski, der, als sie kurz vor Sonnenaufgang doch noch eingenickt war, gegangen war.
Als sie wieder erwachte, fühlte sie sich etwas besser, aber immer noch nicht gut genug, um den Tisch, der so gedeckt in den zweiten Tag ging und Gestank zu verbreiten begann, aufzuräumen. Sie machte sich einen Kaffee und verzichtete auf jegliche Speisen. Sie überblickte das Feld und versuchte sich an den weiden- und teichlosen Anblick zu gewöhnen. Es war kein Vergnügen der Vertrautheit ihres Ausblicks, jeglicher Vertrautheit beraubt zu sein. In ihrem Alter verträgt das Leben keine Veränderung und Unordnung mehr. Sie beschloss den Tag mit Schlafen zu verbringen und des Nachts auf Herrn Grutkowskis Geist zu warten, der aber nicht kam. Statt seiner näherten sich mitten in der Nacht Ungetüme von Autos, schallten viele Männerstimmen zu ihr herüber, wurde gleißendes Licht mehrerer Scheinwerfer aufs Feld wie in einem Stadion auf den Fußballrasen geworfen, so dass sie die Ungetüme als Kräne identifizieren konnte, die von weiteren großen Transportern und Lastkraftwagen begleitet worden waren und sich nun um eine riesige Fläche auf dem Feld positioniert hatten. Frau Wenzel starrte auf das Treiben. Sie starrte die ganze Nacht, den nächsten Tag, die nächste Nacht. Sie vergaß ihren Kaffee zu brühen, wie überhaupt jegliches Essen und Trinken, sie vergaß den Schimmel ansetzenden gedeckten Tisch der letzten Familienfeier. Sie starrte auf das laute Baggern, Fahren, Bauen, bis sie beschloss, das Dach, das seines An- und Überblicks beraubt worden war, zu verlassen und auf dem selten genutzten Sofa in ihrer Laube zu schlafen. Sie schloss die Fensterläden und legte sich ins Dunkel auf das Sofa, wo sich alsbald die Bau- und Stimmgeräusche verloren und wartete auf den Geist des Herrn Grutkowski und hoffte, dass das Sofa nicht zu klein für sie beide sein möge.